Es gibt Niederlagen, die sich mit Fußball erklären lassen, und es gibt Niederlagen, die tiefer reichen. Das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft im Elfmeterschießen gegen Paraguay bei der WM 2026 gehört in die zweite Kategorie. Während das Ergebnis längst feststeht, hat die eigentliche Aufarbeitung gerade erst begonnen, angeführt von zwei Männern, die den deutschen Fußball über Jahrzehnte im DFB-Trikot geprägt haben: Oliver Kahn und Lothar Matthäus. Ihre Diagnosen setzen an unterschiedlichen Stellen an, Kahn bei der Mannschaft auf dem Rasen, Matthäus beim Umfeld drumherum, doch beide zeichnen dasselbe Bild: ein Team, das sich im entscheidenden Moment selbst im Weg stand.
Der "verräterischste Moment": Kahns Abrechnung mit der Elfmeter-Kür
Für Oliver Kahn, einst selbst der kompromissloseste Torhüter im deutschen Fußball, war es eine einzige Szene, die alles offenbarte. Vor dem Elfmeterschießen gegen Paraguay suchte Joshua Kimmich nach Freiwilligen, die antreten wollten, statt eine klare Reihenfolge vorzugeben. Kahn nannte das, wie Goal.com berichtete, den "verräterischsten Moment" des gesamten Ausscheidens. Sein Urteil war unmissverständlich: "A top team does not look for volunteers at that moment" (sinngemäß: Ein Spitzenteam sucht in diesem Moment nicht nach Freiwilligen).
Die Wucht dieser Aussage liegt weniger im Vorwurf selbst als in dem, wofür Kahn steht. Kaum ein deutscher Nationalspieler der vergangenen Jahrzehnte hat den Anspruch, in der größten Drucksituation die Verantwortung zu übernehmen, so verkörpert wie er. Wenn ausgerechnet er die Szene der Freiwilligensuche als entlarvend bezeichnet, ist das keine beiläufige Kritik am Ablauf eines Elfmeterschießens, sondern ein Urteil über die Führungskultur der gesamten Mannschaft in der Sekunde, in der es zählt.
Matthäus und die These vom ablenkenden Umfeld
Während Kahn den Blick auf den Rasen richtet, sucht Lothar Matthäus die Ursache abseits davon. Der ehemalige Nationalspieler machte, wie das vietnamesische Portal VnExpress International berichtete, Ablenkungen durch das Umfeld der Spieler, also Ehefrauen, Freundinnen und Familienangehörige, mitverantwortlich für die Niederlage gegen Paraguay. Es ist eine These, die in der Fußballwelt regelmäßig aufflammt, sobald ein großer Favorit früh scheitert, und die stets denselben wunden Punkt trifft: die Frage, wie professionell eine Mannschaft in den Tagen vor einem Endspiel um alles wirklich lebt.
Matthäus, der selbst über Jahrzehnte im Rampenlicht der Nationalmannschaft stand, liefert damit keine taktische, sondern eine mentale Erklärung. Seine These lässt sich nicht mit Statistiken belegen, aber sie passt zu einem Muster, das durch Kahns Kritik bereits angedeutet wird: Es war offenbar nicht allein die spielerische Qualität, die Deutschland gegen Paraguay fehlte, sondern die Fokussierung im entscheidenden Moment.
Zwei Diagnosen, ein gemeinsamer Nenner
Auf den ersten Blick widersprechen sich die beiden Analysen kaum, sie ergänzen sich. Kahn beschreibt ein Führungsvakuum in der Sekunde der höchsten Anspannung. Matthäus beschreibt ein Umfeld, das diese Anspannung womöglich gar nicht erst richtig aufkommen ließ. Zusammengenommen ergibt sich das Bild einer Mannschaft, die technisch und läuferisch mit den besten Teams der Welt mithalten kann, der aber im entscheidenden Moment die Härte fehlte, die WM-Titel früherer Generationen ausgezeichnet hat.
Das ist der eigentliche Kern der Debatte, die gerade durch den deutschen Fußball geht. Nicht die Frage, wer im Elfmeterschießen als Erster, Zweiter oder Fünfter antritt, sondern die Frage, warum eine Mannschaft mit diesem Kader in genau diesem Moment keine klare, selbstbewusste Ordnung hatte.
Die Führungsfrage: Wer übernimmt in der Kabine?
Kahns Kritik an der Szene mit Kimmich wirft zwangsläufig die größere Frage auf, wer in dieser Mannschaft bereit ist, in der Sekunde der Wahrheit die Verantwortung zu übernehmen, ohne zu fragen, ohne zu zögern. Ein Spitzenteam, das ist Kahns Kernaussage, überlässt diese Entscheidung nicht dem Zufall oder der Bereitschaft Einzelner. Es legt vorher fest, wer geht, und niemand muss in diesem Moment erst überredet werden.
Genau hier setzt die Kritik an, die über den einen Vorfall hinausweist. Wenn selbst eine so grundlegende Frage wie die Elfmeter-Reihenfolge im entscheidenden Moment noch offen ist, stellt sich unweigerlich die Frage, wie es um andere, weniger sichtbare Führungsentscheidungen bestellt war, in der Kabine, in der Vorbereitung, im Umgang mit dem Druck eines K.o.-Spiels bei einer Weltmeisterschaft.
Die Strukturdebatte beim DFB
Beide Wortmeldungen, so unterschiedlich ihr Ansatzpunkt auch ist, fügen sich in eine größere Debatte ein, die den deutschen Fußball seit dem Ausscheiden beschäftigt: Reicht es, an der Taktik oder am Kader zu schrauben, oder muss tiefer angesetzt werden, bei der Mentalität, bei der Vorbereitung, bei der Kultur, die eine Nationalmannschaft in den entscheidenden Tagen eines Turniers umgibt? Kahn und Matthäus gehören beide jener Generation an, die den deutschen Fußball mit einem bestimmten Ethos verbunden hat: funktionieren, wenn es zählt, koste es, was es wolle. Ihre Kritik liest sich auch als Sorge, dass genau dieser Ethos verloren gegangen ist.
Für den DFB bedeutet das, dass die Aufarbeitung des Ausscheidens nicht mit einer Analyse der Chancenverwertung oder der Aufstellung enden kann. Wenn zwei der einflussreichsten Stimmen des deutschen Fußballs unabhängig voneinander zu demselben Schluss kommen, nämlich dass es an Haltung und Fokus gefehlt hat, wird daraus schnell eine Frage an den Verband selbst: Wie wird künftig sichergestellt, dass eine deutsche Mannschaft in der entscheidenden Sekunde eines Turniers bereit ist?
Was von der Aufarbeitung bleibt
Die Bilder vom Elfmeterschießen gegen Paraguay werden verblassen, die Worte von Kahn und Matthäus dürften es nicht so schnell tun. Beide haben mit wenigen Sätzen eine Debatte losgetreten, die weit über das eine verlorene Spiel hinausreicht: eine Debatte über Charakter, Führung und die Frage, ob der deutsche Fußball die Härte, für die er einst stand, wiederfinden kann. Bis zur nächsten großen Bewährungsprobe bleibt diese Frage offen, und die Antwort wird sich nicht in der Analyse einer einzelnen Szene finden lassen, sondern erst dann, wenn eine deutsche Mannschaft das nächste Mal in einem Elfmeterschießen steht.
Quellen: Goal.com, VnExpress International
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