Der Schlüssel liegt im Zentrum
Wenn Spanien und Argentinien am Sonntagabend im MetLife Stadium von East Rutherford um den WM-Titel spielen, richten sich alle Kameras auf zwei Namen: Lionel Messi und Lamine Yamal. Entschieden wird das Finale aber vermutlich eine Etage tiefer. Im Maschinenraum. Dort, wo Rodri und Enzo Fernández den Takt vorgeben, fällt die erste Vorentscheidung, lange bevor der Ball überhaupt in Yamals Füße kommt.
Rodri, der Metronom Spaniens
Rodri ist der Ankermann, um den Luis de la Fuente sein gesamtes Spiel baut. Der Ballon-d'Or-Gewinner von 2024 diktiert das Tempo, verteilt die Bälle und schließt vor der Abwehr die Räume. Kaum ein Mittelfeldspieler dieses Turniers ist so oft am Ball und so schwer vom Ball zu trennen wie der Profi von Manchester City.
Dass Rodri nach überstandener schwerer Knieverletzung überhaupt wieder im Zentrum dirigiert, zählt zu den bemerkenswerten Geschichten dieses Turniers. Für de la Fuente ist der Taktgeber unverzichtbar: Ohne seinen Ordnungsgeber vor der Abwehr verliert Spaniens Positionsspiel die Ruhe.
Sein Rezept heißt Kontrolle. Im Halbfinale, das Spanien mit 2:0 gegen Frankreich gewann, ließ die Elf von de la Fuente den Gegner kaum am Ball. Rodri organisiert Spaniens Mittelfeld wie ein Dirigent, an seiner Seite geben Fabián Ruiz und Pedri Halt. Wer diese Doppelsechs nicht stört, überlässt La Roja den Ball und den Rhythmus.
Erst diese Kontrolle im Zentrum bringt Yamal auf dem Flügel und Torjäger Mikel Oyarzabal, mit fünf Treffern Spaniens bester Schütze, in gefährliche Zonen.
Argentiniens Plan gegen den Takt
Genau hier setzt der Plan von Lionel Scaloni an. Argentinien will Rodri den Raum nehmen und Enzo Fernández, den Motor im Mittelfeld der Albiceleste, früh aus seiner Komfortzone drängen. Rund um Fernández, Alexis Mac Allister und Rodrigo De Paul soll aggressiv gepresst werden, damit Spaniens Aufbau ins Stocken gerät.
Die Waffe der Weltmeister von 2022 heißt Umschaltspiel. Erobert Argentinien den Ball weit vorn, geht es schnell und direkt in die Spitze, meist über Messis Ablagen. Der 39-Jährige lässt sich fallen, bindet Gegenspieler und öffnet mit einem Kontakt die Tiefe. Wie brandgefährlich Argentiniens Umschaltspiel dann wird, zeigte das 2:1 im Halbfinale gegen England.
Scalonis Elf verteidigt kompakt und lauert auf den Moment, in dem sich Spaniens hohe Kette öffnet. Es ist ein Duell der Philosophien: de la Fuente sucht die Kontrolle über den Ball, Scaloni die Kontrolle über den Raum. Beide führen über die Mitte.
Was heute Abend zählt
Der Schlüssel dürfte im Pressing liegen. Presst Argentinien mannorientiert auf Rodri und Fabián Ruiz, muss Spanien den Aufbau über die Außenverteidiger suchen, und dort wartet der Konter. Lässt Argentinien die spanische Doppelsechs dagegen atmen, rollt Welle um Welle auf Emiliano Martínez zu.
Der Opta-Supercomputer sieht Spanien vorn, mit rund 59 Prozent Titelchance gegen 41 Prozent für Argentinien. Doch die meisten Prognosen laufen auf denselben Gedanken hinaus: Wer das Zentrum beherrscht, hebt am Ende den Pokal. Kontrolliert Rodri die Partie ungestört, diktiert Spanien das Finale. Reißt Argentinien den Rhythmus an sich, kippt die Rechnung.
Für Messi steht mehr auf dem Spiel als ein Titel. Gelingt der Albiceleste die Titelverteidigung, wäre er nach Pelé der erste Spieler und nach Cafú (2002) der erste Kapitän seit über 20 Jahren mit zwei WM-Titeln in Folge. Spanien jagt seinerseits den ersten Weltmeistertitel seit 2010.
Um 21 Uhr deutscher Zeit wird das Endspiel angepfiffen. Dann beginnt zuerst der Kampf um die Mitte.
Quellen
- Sportschau
- kicker
- Opta Analyst
- Cover photo: Timmy96 / CC0, via Wikimedia Commons
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