Am 15. Juli steigt im Mercedes-Benz Stadium von Atlanta eines der beiden Halbfinals der WM 2026, und über den Ausgang könnte ein einziger Zweikampf entscheiden. England fordert Titelverteidiger Argentinien heraus. Im Zentrum der taktischen Überlegungen steht ein Duell im Duell: Jude Bellingham gegen das erfahrene Mittelfeld der Südamerikaner. Setzt sich Englands Antreiber durch, wackelt die Titelverteidigung; hält das argentinische Zentrum dagegen, ist der Weltmeister dem Finale nah.
Bellingham, Englands Antreiber aus der Tiefe
Kein Profi prägt Englands Turnierlauf so sehr wie Bellingham. Im Viertelfinale gegen Norwegen war er der Mann des Abends. Beim 2:1 nach Verlängerung schnürte der Mittelfeldspieler einen Doppelpack. In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit glich er aus, in der Verlängerung markierte er den umjubelten Siegtreffer.
Bellingham ist Englands gefährlichste Waffe. Als klassischer Box-to-Box-Spieler, der die gesamte Länge des Feldes bespielt, taucht er immer wieder im gegnerischen Strafraum auf und trifft, wenn es darauf ankommt. Schon in den vorangegangenen K.-o.-Runden hatte er getroffen. Seine Läufe aus der Tiefe sind schwer zu verteidigen, weil sie spät kommen und selten am Ball beginnen. Wer ihn stoppen will, muss ihn früh aufnehmen, ehe er Tempo entwickelt.
Genau darin liegt Englands Hoffnung. Findet Bellingham die Lücke zwischen den gegnerischen Ketten, kann er eine Partie im Alleingang kippen. Gegen Norwegen hat er den Beweis geliefert.
Argentiniens Mittelfeld als Bollwerk
Auf der Gegenseite steht ein Trio, das die Titelverteidigung bislang zusammengehalten hat. Rodrigo De Paul, Alexis Mac Allister und Enzo Fernández bilden das Herzstück der argentinischen Elf. Ihre Routine und die Balance zwischen Absichern und Aufbauen haben den Weltmeister durch die K.-o.-Phase getragen.
Ganz ohne Mühe war das nicht. Sowohl im Achtelfinale gegen Ägypten als auch im Viertelfinale gegen die Schweiz musste Argentinien in die Verlängerung. Zweimal in Folge reichten die regulären 90 Minuten nicht, um die Entscheidung herbeizuführen. Für einen Titelverteidiger ist das ein Warnsignal und zugleich ein Beleg für die Nervenstärke dieser Mannschaft.
Die taktische Kernfrage lautet: Kann dieses Mittelfeld die Räume vor der Abwehr so eng machen, dass Bellinghams Vorstöße ins Leere laufen? De Paul deckt traditionell viel Raum ab und arbeitet unermüdlich gegen den Ball, Mac Allister und Fernández können sowohl abschirmen als auch das Spiel ankurbeln. Genau diese Doppelaufgabe, zugleich zu verteidigen und zu gestalten, wird gegen einen Gegenspieler wie Bellingham zur Belastungsprobe.
Dazu kommt der Faktor Frische. Zweimal in Folge ging Argentinien in die Verlängerung, gegen Ägypten und gegen die Schweiz, zweimal standen am Ende 120 Minuten in den Beinen. Genau in dieser späten Phase hat Bellingham gegen Norwegen zugeschlagen. Müde Beine im Zentrum und ein Läufer, der erst kommt, wenn andere nachlassen: Für Argentiniens Mittelfeld ist das die eigentliche Warnung.
Eine Aufstellung mit Fragezeichen
Wie Argentiniens Mittelfeld am Ende genau aussieht, wird sich erst kurz vor dem Anpfiff klären. Ob der Weltmeister mit einer Doppel- oder einer Dreierreihe im Zentrum beginnt, bleibt offen, und daran hängt viel. Eine zusätzliche Absicherung würde Bellingham einen festen Bewacher entgegenstellen, eine offensivere Ausrichtung ließe mehr Räume für seine Läufe.
Für England ist die Rechnung ähnlich heikel. Je tiefer und dichter die Argentinier ihr Mittelfeld staffeln, desto schwerer wird es für Bellingham, seine Läufe zu timen. Öffnet sich dagegen der Zwischenraum, wird er zur Lebensversicherung. Beide Trainer wissen um dieses Gleichgewicht, und beide werden ihre Grundordnung danach ausrichten. Zugleich birgt jeder Vorstoß ein Risiko: Wer so weit aufrückt, lässt hinter sich Platz, und ein Mittelfeld von der Qualität eines De Paul, Mac Allister und Fernández hat den Ballbesitz, um solche Lücken zu bestrafen.
So läuft im Halbfinale von Atlanta ein Zweikampf zwischen Englands wichtigstem Antreiber und der geballten Erfahrung im argentinischen Zentrum. Wer ihn für sich entscheidet, dürfte dem Finale einen großen Schritt näher kommen. Anpfiff ist am 15. Juli.
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