Jeder Vierte schaltete ein: Wie ein Eishockey-Land den Fußball für sich entdeckte

Kanada erreichte bei der Heim-WM erstmals die K.-o.-Runde, kletterte vom 122. auf den 30. Rang und riss ein ganzes Land mit. Was dieser Sommer mit einem Eishockey-Land anrichtete, erzählt sich am besten in Zahlen.

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Rund jeder vierte Kanadier schaltete in diesem Sommer irgendwann ein, um der eigenen Elf bei der Heim-Weltmeisterschaft zuzusehen. In einem Land, das seine Winter dem Eishockey verschreibt und den Fußball über Jahrzehnte als Sportart der anderen behandelte, ist das kein beiläufiger Nebensatz. Es ist ein Bruch mit der Gewohnheit.

Als Co-Gastgeber, gemeinsam mit den USA und Mexiko, hatte Kanada sportlich am wenigsten zu verlieren. Gewonnen aber hat das Land vielleicht am meisten. Am Ende stand zwar ein 0:3 gegen Marokko im Achtelfinale von Houston. Doch wer dieses Turnier auf die Niederlage verengt, verpasst das Wesentliche. Die eigentliche Geschichte handelt nicht vom Ausscheiden, sondern von einem Land, das sein Verhältnis zum Fußball in wenigen Wochen neu vermaß.

Vier Wochen lang rückte ein Sport ins Zentrum, der in Kanada lange am Rand lebte. Die Zahlen erzählen, wie tief dieser Sommer wirkte, und warum das 0:3 am Ende fast zur Fußnote geriet.

Elf Millionen vor den Bildschirmen

Die Zahlen lassen wenig Deutungsspielraum. Spiele der Gruppenphase und des Sechzehntelfinals erreichten bis zu elf Millionen Zuschauer, wie Sports Illustrated unter Berufung auf Einschaltquoten des Senders TSN berichtet. Rund jeder Vierte im Land verfolgte zumindest einen Teil des kanadischen Wegs. Elf Millionen, das ist eine Marke, die man in Kanada sonst nur von den ganz großen Sportabenden kennt.

Für diesen Verband ist das eine Ausnahmegröße. Über Jahrzehnte kämpfte der Fußball hier um Sendezeit und Schlagzeilen, meist im Schatten von Eishockey, Basketball und der heimischen Football-Liga. Solche Reichweiten kannte man bislang nur aus der Distanz, von Turnieren, bei denen andere um den Titel spielten. Aus einer Randnotiz wurde für ein paar Wochen ein Ereignis, über das im ganzen Land gesprochen wurde. Die Nationalelf drängte dorthin, wo sonst der Puck regiert.

Vom 122. auf den 30. Rang

Sportlich grenzte der Aufstieg ans Unwahrscheinliche. Als Nummer 30 der Welt ging Kanada in das Turnier. In der jüngeren Vergangenheit hatte dieselbe Nation noch auf Rang 122 der FIFA-Rangliste gestanden, hält Sports Illustrated fest. Ein Sprung um fast hundert Plätze, und plötzlich spielte man auf Augenhöhe mit Mannschaften, gegen die man früher chancenlos war.

Dann kam das erste K.-o.-Ticket der Verbandsgeschichte. Zwei WM-Siege und neun Tore standen am Ende zu Buche. Der Kontrast zur eigenen Vergangenheit könnte kaum schärfer ausfallen. Zwischen 1986 und 2022 hatte Kanada bei Weltmeisterschaften kein einziges Spiel gewonnen. Kein einziges. Nun waren es binnen weniger Wochen gleich zwei. Für eine ganze Generation junger Spieler war es der Beweis, dass Kanada bei einer WM mehr sein kann als Statist.

Ein seltener Überschuss in den Büchern

Der Erfolg blieb nicht auf dem Rasen. Für den Einzug ins Achtelfinale überwies die FIFA 18,5 Millionen Dollar an Prämien, so Sports Illustrated. Für einen Verband dieser Größe ist das kein Nebenbetrag, sondern eine Weichenstellung.

Noch aussagekräftiger ist eine andere Zahl. Die Spendenkampagne „Canada Rising“ der Canada Soccer Foundation überschritt ihr Ziel von 25 Millionen Dollar, und das ganze 18 Monate früher als geplant, wie Team Canada auf olympic.ca meldete. Für 2026 rechnet der Verband mit einem Überschuss von 4,61 Millionen Dollar. In den Büchern eines Verbands, der finanziell selten Grund zum Jubeln hatte, ist das eine kleine Sensation. Nicht die einmalige Prämie ist entscheidend, sondern das Signal an Sponsoren und Nachwuchs. Solche Summen verschaffen Spielraum, den es zuvor kaum gab, und ein Fundament für die Jahre nach dem Turnier.

Die Gesichter eines Sommers

Getragen wurde der Lauf von Trainer Jesse Marsch. Der Coach verlängerte seinen Vertrag bis zum WM-Zyklus 2030, ein Signal, dass hier etwas aufgebaut und nicht bloß ein Turniererfolg verwaltet werden soll. Kontinuität statt Umbruch, lautet die Botschaft.

Der prominenteste Name war zugleich der große Fehlende. Alphonso Davies, das Aushängeschild des kanadischen Fußballs, kam über fünf Partien hinweg auf ganze 15 Minuten, gebremst von einer Oberschenkelverletzung. Dass die Elf trotzdem so weit kam, sagt viel über ihre Breite. Vizekapitän Stephen Eustaquio erzielte den Siegtreffer gegen Südafrika und stand sinnbildlich für eine Mannschaft, die auch ohne ihren Star funktionierte. Es war ein Turnier, das Namen bekannt machte, die zuvor nur Fachleute kannten.

Was bleibt

Das Ende kam in Houston. Zwei Treffer von Azzedine Ounahi nach dem Seitenwechsel und das späte dritte Tor durch Soufiane Rahimi, so die Spielberichte, beendeten den Traum vom Viertelfinale. Doch die spannendere Frage stellt sich abseits des Ergebnisses. Hält die neu entfachte Begeisterung an, wenn die Scheinwerfer der Heim-WM weiterziehen? Fürs Erste bleibt eine Gewissheit: Dieser Sommer hat gezeigt, dass der Fußball in Kanada ein Publikum hat, sobald die Mannschaft ihm einen Grund liefert. Der lange Weg zum nächsten Zyklus wird zeigen, ob er ein Strohfeuer war oder der Anfang von etwas Größerem.

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