Zum ersten Mal in seiner Geschichte steht Norwegen im Viertelfinale einer Weltmeisterschaft. Seit 1998 war die Elf von Ståle Solbakken bei keiner WM mehr dabei, an diesem Tag wartet im Hard Rock Stadium von Miami England. Ein Duell der Kontraste: hier der WM-Neuling, der im Achtelfinale den fünfmaligen Weltmeister Brasilien mit 2:1 aus dem Turnier warf, dort der Favorit um Trainer Thomas Tuchel, der sich mit lädierter Abwehr durchs Turnier kämpft.
Pikant: Norwegens 2:1 gegen die Seleção wiederholte exakt jenes legendäre 2:1 von 1998, als Tore André Flo ausglich und Kjetil Rekdal per Elfmeter traf. Beide Treffer gegen Brasilien in diesem Turnier erzielte diesmal Erling Haaland. Genau an ihm entscheidet sich das Viertelfinale.
Beide Wege ins Viertelfinale lesen sich wie Nervenproben. Norwegen wurde Gruppenzweiter hinter Frankreich (4:1 gegen den Irak, 3:2 gegen Senegal, 1:4 gegen die Franzosen mit stark rotierter Elf), rang danach die Elfenbeinküste mit 2:1 nieder und warf schließlich Brasilien aus dem Turnier. England gewann seine Gruppe (4:2 gegen Kroatien, 0:0 gegen Ghana, 2:0 gegen Panama), zitterte sich per spätem Kane-Doppelschlag zum 3:2 gegen die DR Kongo und gewann das Achtelfinale 3:2 in Mexiko, obwohl die Elf nach einer Roten Karte über eine Stunde in Unterzahl spielte. Dieses Stehvermögen dürfte Tuchel Mut machen.
Haaland gegen Englands Not-Kette
Alles bei Norwegen beginnt und endet mit Erling Haaland. Sieben Tore in vier WM-Spielen erzielte der Stürmer von Manchester City bei seiner ersten Weltmeisterschaft bereits, zwei davon gegen Brasilien. Norwegens Weg zur Sensation, so formuliert es ESPN, führe "fast ausschließlich" über ihn.
Gefährlich wird Norwegen vor allem im Umschaltspiel. Ein langer Ball, ein Antritt Haalands in die Tiefe, und eine unsortierte Kette gerät sofort in Not.
Auf ihn trifft eine englische Abwehr im Umbruch. Jarell Quansah fehlt gesperrt: Für ein hohes Einsteigen gegen Mexikos Jesús Gallardo sah er im Achtelfinale glatt Rot, die FIFA sperrte ihn für zwei Partien. Jordan Henderson fällt für den Rest des Turniers aus, er brach sich bei den Jubelszenen nach dem Sieg in Mexiko an einer Werbebande den Arm. Und Reece James, gerade erst zurück, dürfte in der Hitze von Miami höchstens von der Bank kommen.
Ein Detail sticht heraus: Innenverteidiger-Kandidat John Stones kennt Haaland aus dem Training bei Manchester City bestens. Das Duell der Klubkollegen könnte den Ausschlag geben.
Ødegaards Kreativität gegen Englands Mittelfeld
Norwegen ist mehr als nur der Knipser aus Manchester. Im Zentrum zieht Kapitän Martin Ødegaard die Fäden, an seiner Seite Sander Berge und Patrick Berg im voraussichtlichen 4-3-3. Gegen dieses Mittelfeld muss England die Kontrolle über die Partie gewinnen.
Über die Flügel drohen zudem Alexander Sørloth und Antonio Nusa, die Solbakken variabel einsetzen kann. England weiß: Ein frühes Tor Norwegens würde den eigenen Matchplan zerreißen.
Die Werkzeuge dagegen hat Tuchel. Declan Rice, zuletzt von einem Magen-Darm-Infekt geplagt, kehrte laut Sports Mole ins volle Training zurück, ebenso Marc Guéhi nach seinen Oberschenkelproblemen. Davor sorgen Jude Bellingham und Bukayo Saka für das Tempo, im Sturmzentrum wartet Harry Kane.
Die Bilanz der beiden englischen Anführer ist wuchtig. Kane traf im Turnier sechsmal und bereitete einen weiteren Treffer vor, Bellingham steht bei vier Toren, darunter ein Doppelpack beim 3:2 gegen Gastgeber Mexiko.
Zwei wackelnde Abwehrreihen und die Hitze von Miami
Defensiv haben beide Teams Fragezeichen. Norwegen kassierte neun Gegentore, mehr als jeder andere verbliebene Viertelfinalist. Englands Kette ist durch Quansahs Sperre und James' Fitnessfrage aus dem Gleichgewicht geraten.
Dazu kommt Miami. Die Hitze im Süden Floridas dürfte das Tempo drosseln und Tuchels Wechseloptionen aufwerten. Solbakken dagegen will laut Berichten auf dieselbe Startelf wie gegen Brasilien setzen, sein Teamarzt meldete den Kader ohne Ausfälle.
Was die Zahlen sagen: unsere Prognose
In der Statistik ist dieses Viertelfinale das engste des gesamten Turniers. Der Opta-Supercomputer simulierte die Partie 25.000 Mal: England gewinnt in 50,4 Prozent der Fälle in der regulären Spielzeit, Norwegen in 25,1 Prozent, ein Remis fällt in 24,6 Prozent. Beim Einzug ins Halbfinale liegt England laut The Analyst mit 62,3 zu 37,7 Prozent vorn.
Auch die Wettanbieter führen England als Favoriten, Norwegen gilt klar als Außenseiter. Mehrere Medien tippen als Prognose auf ein 2:1 oder 3:1 für England und verweisen auf die größere Kaderbreite sowie Tuchels Hand von der Bank. Das bleibt eine Vorhersage, kein Ergebnis.
Die Historie spricht ebenfalls für England: sieben Siege aus den bisherigen Duellen stehen zwei norwegischen gegenüber, dazu drei Remis. Bei einem großen Turnier trafen beide noch nie aufeinander, das jüngste Duell gewann England 2012 in Oslo mit 1:0 durch einen Elfmeter von Wayne Rooney.
Selbst Solbakken räumte gegenüber BBC Sport ein, England sei Favorit auf das Halbfinale. Und Haaland? Der bewertete Norwegens Titelchancen als "wirklich niedrig, immer noch" und stimmte zu: Der Druck liege "definitiv" auf England.
Angepfiffen wird im Hard Rock Stadium von Miami. Die entscheidende Frage lautet: Reicht ein überragender Haaland, um Englands Favoritenrolle zu kippen, oder erstickt Tuchels Kaderbreite den norwegischen Traum?
Quellen
- ESPN, FIFA World Cup quarterfinal preview, predictions, odds
- Sky Sports, World Cup 2026 quarter-finals team-by-team preview
- Al Jazeera, Norway vs England World Cup quarterfinal preview
- Opta Analyst / The Analyst, World Cup 2026 quarterfinal supercomputer predictions
- ESPN, Jarell Quansah suspended two World Cup matches after Mexico red card
- ESPN, Haaland on Norway's chances and pressure on England
- Sports Mole, Norway vs England team news, injury/suspension list, predicted XIs
- ESPN Match Center, Norway vs England (live status/odds)

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