Der Fluch ist gebrochen
Erst nach 120 torlosen Minuten fiel die Entscheidung, und sie fiel vom Elfmeterpunkt. Im Achtelfinale trennten sich die Schweiz und Kolumbien 0:0, dann musste das Elfmeterschiessen her. Ruben Vargas trat als Joker an und verwandelte den entscheidenden Versuch zum 4:3. Kurz zuvor hatte Torhüter Gregor Kobel gegen Cucho Hernández pariert und damit die Tür weit aufgestoßen.
Es war, wie ESPN berichtet, der erste Sieg der Schweiz in einem WM-Elfmeterschiessen überhaupt. Der einzige frühere Anlauf, 2006 gegen die Ukraine, war misslungen. Zwei Jahrzehnte lang hatte dieser Makel an der Nati geklebt, und ausgerechnet auf der größten Bühne verschwand er.
Kobels Parade gegen Cucho Hernández war der Wendepunkt. Danach behielt Vargas die Nerven, und aus zwanzig Jahren Frust wurde binnen Sekunden Euphorie.
„Wir haben den Fluch endlich gebrochen", sagte Trainer Murat Yakin nach der Partie. „Ich bin unglaublich glücklich für alle, die Spieler, den Staff und die Fans." Der Satz verriet, welche Last in diesem Moment von den Schultern der Eidgenossen fiel.
Zum ersten Mal seit 1954 steht die Schweiz damit im WM-Viertelfinale. Damals, bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land, hatte die Nati zuletzt zu den besten acht Mannschaften gehört. Zweiundsiebzig Jahre später ist die Mannschaft wieder da.
Ungeschlagen durch die Gruppe
Der Weg dorthin begann in der Gruppe B, die die Elf von Yakin ohne Niederlage und als Erster abschloss. Gegen Katar kam sie über ein 1:1 nicht hinaus, ein zäher Auftakt. Gegen Bosnien-Herzegowina aber zeigte die Mannschaft ihr Gesicht: Gegen zehn Mann drehte sie die Partie und gewann 4:1, Kapitän Granit Xhaka verwandelte in der 90.+7 noch einen Strafstoß zum Schlusspunkt. Ein Kraftakt, hart erarbeitet und am Ende deutlich.
Im Sechzehntelfinale wartete Algerien. Breel Embolo traf früh (10.), Dan Ndoye legte direkt nach dem Seitenwechsel nach (46.). Das 2:0 bedeutete den Einzug ins Achtelfinale, und zwar zum vierten Mal bei einer WM in Serie.
Für ein Land dieser Größe ist das bemerkenswert. Vier Weltmeisterschaften nacheinander in der K.-o.-Runde, und nun der Sprung, den seit Generationen keine Schweizer Mannschaft mehr geschafft hatte.
Yakins Handschrift
Ein Muster zieht sich durch diese K.-o.-Runde. Hinten steht die Schweiz sicher. Gegen Algerien hielt sie die Null, gegen Kolumbien über 120 Minuten ebenso. Vorne trifft sie zur richtigen Zeit, und wenn es eng wird, verlässt sich Yakin auf die Nerven seiner Führungsspieler.
Kobel im Tor, der den entscheidenden Elfmeter parierte. Xhaka am Punkt, der in der Nachspielzeit gegen Bosnien eiskalt blieb. Vargas von der Bank, der den Matchball verwandelte. Es sind genau diese Szenen, in denen sich Turniermannschaften von Mitläufern trennen.
Das Spektrum dieses Laufs ist bemerkenswert breit. Ein Comeback gegen zehn Mann, ein souveränes 2:0, ein zähes 0:0 mit dem besseren Ende im Elfmeterschiessen. Yakin hat aus einem Kader mit großen Namen eine Einheit geformt, die auch dann funktioniert, wenn das Spiel nicht läuft. Das torlose Duell mit Kolumbien war kein Fest für die Höhepunkt-Sammlung. Es war der Beweis, dass diese Schweiz leiden kann, ohne die Ordnung zu verlieren.
Genau diese Wandelbarkeit ist die größte Stärke dieser Elf. Sie kann ein Spiel an sich reißen, sie kann sich aber ebenso in ein 0:0 verbeißen und auf den einen Moment warten.
Jetzt wartet Messi
Im Viertelfinale trifft die Schweiz auf den Titelverteidiger Argentinien und Lionel Messi. Gespielt wird im Arrowhead Stadium in Kansas City, gegen den amtierenden Weltmeister und vor gewaltiger Kulisse.
Es ist das klassische Duell David gegen Goliath. Auf der einen Seite Messi und eine Offensive voller Weltklasse. Auf der anderen die Eidgenossen, die bei diesem Turnier noch ungeschlagen sind. Das 0:0 gegen Kolumbien war offiziell ein Remis, bezwungen wurde die Schweiz auch dort nicht.
Der Ausgang ist offen, und niemand in der Schweizer Kabine wird so tun, als wäre er es nicht. Argentinien bleibt der Favorit, keine Frage. Doch eine Mannschaft, die soeben ihren eigenen Fluch abgeschüttelt hat, reist ohne Furcht an.
Was nach dem Anpfiff in Kansas City geschieht, ist noch nicht geschrieben. Fest steht nur eines: Die Schweiz ist so weit gekommen wie seit 1954 nicht mehr, und in diesem Viertelfinale hat sie nichts mehr zu verlieren.



No comments yet