An diesem Samstag steigt in Kansas City ein Viertelfinale mit ungleicher Vorgeschichte. Im GEHA Field at Arrowhead Stadium trifft Titelverteidiger Argentinien auf die Schweiz, die erstmals seit 1954 wieder unter den letzten acht einer Weltmeisterschaft steht. Ganze 72 Jahre lagen zwischen diesen beiden Viertelfinal-Teilnahmen, die längste Pause dieser Art in der Geschichte der WM. Ein Wiedersehen mit der ganz großen Bühne also, auf das die Eidgenossen lange gewartet haben.
Die Rollen sind vor dem Anpfiff klar verteilt. Hier der Weltmeister, der seinen Titel verteidigen will und bislang ungeschlagen durch das Turnier gekommen ist. Dort ein Außenseiter, der sich nach Jahrzehnten in der zweiten Reihe zurück in die Weltspitze gekämpft hat und für den allein dieses Viertelfinale schon ein Erfolg ist.
Doch kurz vor dem Anpfiff bekam die Euphorie der Eidgenossen einen empfindlichen Dämpfer.
Der Schock um Manzambi
Johan Manzambi fehlt. Der erst 20 Jahre alte Angreifer, eine der großen Entdeckungen dieses Turniers, zog sich rund um den Achtelfinal-Erfolg gegen Kolumbien eine Knieverletzung zu und fällt für das Duell mit Argentinien aus. Für Trainer Murat Yakin kommt der Ausfall zur denkbar schlechtesten Zeit. Die Verletzung „schmerzt uns enorm“, sagte Yakin laut ESPN und sprach von „einem echten Schock“.
Wie groß die Lücke ausfällt, zeigen die nackten Zahlen. In nur rund 200 Minuten kam Manzambi auf drei Tore und zwei Vorlagen, eine bemerkenswerte Ausbeute für einen so jungen Spieler. Stand er auf dem Platz, erzielte die Schweiz im Schnitt 3,6 Tore pro 90 Minuten. Ohne ihn schrumpfte dieser Wert auf ein Tor und 1,4 xG, also erwartete Tore, pro 90 Minuten. Der Unterschied ist gewaltig, und er zwingt Yakin dazu, seine Offensive vor dem wichtigsten Spiel seit Jahrzehnten neu zu ordnen.
Ein Ersatz von diesem Format lässt sich kaum aus dem Ärmel schütteln. Yakin muss darauf setzen, dass sich die Torlast auf mehrere Schultern verteilt und die Defensive den Ausfall auffängt.
So kam die Nati ins Viertelfinale
Den Sprung unter die letzten acht hatte sich die Elf von Yakin hart erarbeitet. Gegen Kolumbien fiel über die vollen 120 Minuten kein Tor, es blieb beim 0:0. Erst im Elfmeterschießen fiel die Entscheidung. Die Schweiz behielt mit 4:3 die Nerven und machte am 7. Juli den Viertelfinal-Einzug perfekt. Ein Elfer-Krimi als Eintrittskarte, mehr Drama geht kaum. Für ein Land, das so lange auf ein solches Spiel warten musste, war der Coup gegen Kolumbien ein Befreiungsschlag.
Argentinien reist in Topform an
Auf der anderen Seite steht ein Weltmeister in Fahrt. Die Albiceleste ist seit fünf Spielen ungeschlagen und traf dabei zwölfmal, ein Schnitt, der die Wucht dieses Kaders unterstreicht. Zwölf Tore in fünf Spielen, das ist eine Ansage an jeden Gegner. Zuletzt drehte die Elf um Kapitän Lionel Messi im Achtelfinale einen Rückstand und schlug Ägypten am 7. Juli mit 3:2. Eine Aufholjagd, die zeigte, dass die Argentinier auch dann noch zuschlagen, wenn es eng wird.
Für die Schweiz bedeutet das eine Mammutaufgabe. Gegen eine der besten Offensiven des Turniers muss die Yakin-Elf ohne ihren gefährlichsten Angreifer bestehen, und das gegen einen Titelverteidiger, der bislang keinen echten Rückschlag hinnehmen musste. Argentinien geht damit als klarer Favorit in die Partie.
Der Anpfiff naht
Die entscheidende Frage vor dem Spiel lautet daher: Findet Yakin einen Weg, den Ausfall von Manzambi aufzufangen, oder marschieren Messi und Argentinien weiter Richtung Titelverteidigung? Überraschungen aber gehören zu dieser Schweizer WM-Geschichte längst dazu, und ein Team, das Kolumbien im Elferschießen bezwang, wird sich nicht kampflos ergeben. Die Antwort gibt es am Samstag in Kansas City.




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